|
Die Straßburger National- und Universitätsbibliothek (Bibliothèque Nationale et Universitaire de Strasbourg, BNU) wurde gegründet, nachdem die ehemaligen Bibliotheken des Protestantischen Seminars und der Stadt Straßburg während des Krieges von 1870 niedergebrannt und 300 000 Bände sowie 3 500 Manuskripte den Flammen zum Opfer gefallen waren. Die Katastrophe führte sogleich zu Hilfsaktionen, der Spendenaufruf im Deutschen Reich und in der ganzen Welt fand großen Widerhall. Schon 1873 umfasst der Bestand der Kaiserlichen Universitäts- und Landesbibliothek zu Straßburg, die vorübergehend im Rohanschloss untergebracht wird, mehr als 200 000 Bände.
Im Jahre 1889 wird am Kaiserplatz neben dem Landtag mit dem Neubau begonnen. Mit dem Bau werden die Architekten des Kaiserpalastes (heute Palais du Rhin) August Hartel und Skojld Neckelmann beauftragt. Sie beschließen, einen mit einer Kuppel überdachten zentralen Lesesaal zu errichten, um den herum acht Magazinebenen angeordnet werden.
Nach dem Ersten Weltkrieg und der Wiederangliederung Elsass-Lothringens an Frankreich stellt sich die Frage nach dem Status der zugleich staatlichen und regionalen Bibliothek. 1926 erhält sie den in Frankreich einmaligen Status einer National- und Universitätsbibliothek (Bibliothèque Nationale et Universitaire). Sie ist eine behördliche Einrichtung des französischen Staats und steht unter der Aufsicht des damaligen Ministeriums für öffentliche Bildung und die Schönen Künste.
Der Zweite Weltkrieg ist für die BNU eine sehr ereignisreiche Zeit: Sie wird zum Teil in die freie Zone nach Clermont-Ferrand evakuiert. 1941 ordnen die deutschen Behörden und die Vichy-Regierung die Rückführung der Sammlungen nach Straßburg an. Am 25. September 1944 trifft eine Bombe die BNU und beschädigt den großen Lesesaal sowie die Magazine an der Nordseite. Im November desselben Jahres wird ein Teil der Sammlungen, die man ins Rathaus von Barr ausgelagert hat, infolge der Gefechte durch Brand vernichtet.
Die 50er Jahre stehen im Zeichen des Wiederaufbaus und eines aufwendigen Umbaus der BNU, der aus Mitteln der Kriegsentschädigungen finanziert werden kann. Der Architekt François Herrenschmidt modernisiert die Räumlichkeiten und entfernt die für die deutsche Zeit charakteristischen neogriechischen und neoklassizistischen Stilelemente der Innenausstattung. Um mehr Lager- und Regalraum zu gewinnen, erhöht er den Lesesaal um zwei Ebenen.
In den 60er Jahren werden zwei Abteilungen (die Medizin-Abteilung und die naturwissenschaftlich-technische Abteilung) vom Hauptgebäude an der Place de la République auf das Universitätsgelände umgesiedelt. 1976 werden die Verwaltung und die Abteilungen Alsatica und Recht in zwei von der Bibliothek erworbene Gebäude in der Rue Joffre verlegt. Ein Tunnel verbindet fortan die Gebäude an der Place de la République und an der Rue Joffre.
1992 werden die drei gemeinsamen Bibliotheksdienste (services communs de la documentation, SCD) der Straßburger Universitäten gegründet. Die Abteilungen Naturwissenschaften, Medizin und Pharmazie der BNU werden dem gemeinsamen Bibliotheksdienst der Universität Louis Pasteur übertragen.
Die gesamten Bestände der BNU sind von nun an in einer einzigen Sammlung, an einem einzigen Standort und in einer einzigen öffentlichen Einrichtung zusammengefasst. Nachdem der Zugang zu fachbezogener Literatur inzwischen durch die fakultätsnahen Teilbibliotheken vor Ort mitgewährleistet wird, kann die BNU insgesamt als eine “allgemeine enzyklopädische und Forschungsbibliothek” definiert werden. Ihre Bestände erweitert sie unter nationalen wie regionalen Gesichtspunkten kontinuierlich und in langfristiger Perspektive. Die Entwicklung hin zur elektronischen Dokumentation spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Die BNU ist eine öffentliche Einrichtung mit nationalem Status und als solche dem für das Hochschulwesen zuständigen Ministerium unterstellt.
|