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Agenda

Friedrich Hölderlin, Präsenzen eines Dichters

Salle d'exposition
Entrée libre
Lundi : 14 - 18 h
Mardi - samedi : 12 - 18 h
Fermé dimanches et jours fériés

Scénographie : Mireille Kintz
Graphisme : Sarah Lang

Renseignements et réservations :
03.88.25.28.00
bnu.fr / contact@bnu.fr

Catalogue de l'exposition : Prix : 28.00 € TTC

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Friedrich Hölderlin, Präsenzen eines Dichters

28/1/2010 - 1/4/2010

Friedrich Hölderlin gehört heute zu den weltweit meistübersetzten deutschen Dichtern, und doch wurde er, wie viele andere auch, zu Lebzeiten nicht verstanden. Die Ausstellung widmet sich diesem grundsätzlichen Widerspruch, dokumentiert und analysiert ihn. Zum ersten Mal werden dem französischen Publikum die Manuskripte der berühmtesten Hölderlin-Gedichte gezeigt. Die Ausstellung widmet sich aber auch der Werkrezeption des Dichters und sie zeigt die Begeisterung von Musikern, Philosophen, Schriftstellern und Künstler für dessen Werk.

Friedrich Hölderlin (1770-1843) ist heute einer der bekanntesten deutschen Dichter – und einer der beliebtesten außerhalb Deutschlands. Sein ungewöhnliches Schicksal (er lebte 36 Jahre lang als „Irrer“ in einem Turm der Stadt Tübingen) macht ihn zu einem Modell des modernen absoluten Dichters, ähnlich wie Arthur Rimbaud, der sich auch aus der westlichen Kultur in die Wüsten Abessiniens „zurückgezogen“ hat. Hölderlins Werk ist von universeller Bedeutung und stößt insbesondere in der heutigen Zeit auf starkes Interesse, während es unter seinen Zeitgenossen weitgehend unverstanden und unbeachtet geblieben ist.

In Frankreich genießt Hölderlins Werk bei Dichtern höchstes Ansehen, aber auch bei Philosophen, die in seinem Werk Denkanstöße im Gefolge Heideggers suchen, dessen Kommentare zu den Gedichten fast ebenso bekannt sind wie die Gedichte selbst.

Dies war allerdings nicht immer so: Als Hölderlin 1806 einwilligte, sich im Turm des Schreinermeisters Zimmer „einsperren“ zu lassen, war er bei den deutschen Lesern wenig und im Ausland überhaupt nicht bekannt. Erst in der folgenden Generation haben die Romantiker die Persönlichkeit dieses verrückten Dichters wiederentdeckt – und sein Werk zu veröffentlichen begonnen. Clemens Brentano, Achim und Bettina von Arnim sahen in ihm das vom Schwung und der Begeisterung eines Visionärs mitgerissene Genie. Ein Jahrzehnt später gelang es den schwäbischen Romantikern Ludwig Uhland, Justinus Kerner, Gustav Schwab und Eduard Mörike mit vereinten Kräften eine Neuausgabe des Romans Hyperion herauszugeben, ferner eine Gedichtsammlung im Jahr 1826 sowie eine Gesamtausgabe, die 1843 beim Verleger Cotta erschien.

Im Münchner Dichterkreis um Stefan George berief man sich etwas später ebenfalls auf die Figur Hölderlins. Im Spiegel der Ästhetik des Fin de siècle erscheint er hier gemeinsam mit Paul Verlaine und Emile Verhaeren als Wegbereiter der Moderne. Und tatsächlich hat das 20. Jahrhundert Hölderlin für sich vereinnahmt, indem es ihn zum Dichter schlechthin erklärte, bei dem Leben und Werk untrennbar ineinander übergehen und der so zum Meister der modernen Dichter erwählt worden ist.

Le jeune Hölderlin, dessin coloré au crayon, 1786Le jeune Hölderlin, dessin coloré au crayon, 1786

Die Ausstellung beginnt mit einer großen bebilderten, chronologischen Einführung, die den literarischen Werdegang Hölderlins darstellt und seine Transformationen in Poesie, Musik, Philosophie, Theater, Bildende Kunst und Kino aufzeigt – spannende, aber zuweilen auch spannungsgeladene Beziehungen zwischen einem Meisterwerk und dessen zeitgebundenen Neuinterpretationen. Politische, kulturelle, philosophische Projektionen...

Manuskripte und Originalausgaben

Seit der ersten Veröffentlichung von Gedichten im Jahr 1791 wurden die Texte Hölderlins in verstreuten Einzelausgaben wie Almanache, Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Der erste Teil der Ausstellung stellt die Manuskripte der bedeutendsten Gedichte vor, ferner die Almanache, die damals ein wichtiges Verbreitungsmittel im Literaturbetrieb darstellten. Nur die beiden Bände des Hyperion sowie die Übersetzung von Sophokles, die ebenfalls ausgestellt sind, wurden separat veröffentlicht. Diese verstreute Überlieferung erklärt sicher zu einem Teil, weshalb Hölderlin so lange unbekannt geblieben ist.

Manuscrit du poème l’Archipel de Hölderlin, 1800Manuscrit du poème l’Archipel de Hölderlin, 1800

Die Geburt des Mythos: von den Romantikern zur Wiederentdeckung des Dichters im 20. Jahrhundert

Nach der Veröffentlichung des Gedichtes „Brod und Wein“ mit dem Titel „Die Nacht“ im Musenalmanach für das Jahr 1807 schrieb Clemens Brentano: "Es ist diese eine von den wenigen Dichtungen, an welchen mir das Wesen eines Kunstwerkes durchaus klar geworden ist." Zum ersten mal äußern sich die Kritiker lobend und begeistert. Dank des Einsatzes der schwäbischen Autoren Friedrich Uhland, Kerner, Schwab und Mörike sowie der Arbeiten des Germanisten und Philologen Norbert von Hellingrath tritt das nun endlich gedruckte Werk Hölderlins aus seinem Schattendasein hervor. Aber erst im Laufe des 20. Jahrhunderts erreicht die Begeisterung für Hölderlin wirklich „weltweite“ Dimensionen Dazu beigetragen haben neben vielen anderen Stefan George, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl und Jakob von Hoddis sowie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Paul Celan, der sich insbesondere für die späten Gedichte Hölderlins interessiert hat. Solche neuen Zugänge zu dem Dichter wirken heute noch in den Theorien des Strukturalismus und des Dekonstruktionismus, in den Einflüssen der Psychoanalyse und in der Rezeption durch die französischen Philosophen nach.

Lettre datée du 09.09.1812 de Friedrich de la Motte Fouqué à Ludwig Uhland « Que devient Hölderlin? Les sombres nuées planent-elLettre datée du 09.09.1812 de Friedrich de la Motte Fouqué à Ludwig Uhland « Que devient Hölderlin? Les sombres nuées planent-el

Hölderlin und die Philosophie

Derrida nannte Hölderlin den "Dichter der Dichter", aber genauso könnte man in auch als den Dichter der Philosophen bezeichnen. Von Nietzsche, der ihn noch als Schüler 1861 seinen Lieblingsdichter nannte, bis Heidegger, Walter Benjamin und Adorno, über Foucault, Bataille, Blanchot, Derrida, Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy – Hölderlin hat wie kein zweiter Philosophen und Denker inspiriert.
Lettre datée du 03.03.1975 de Martin Heidegger à Wilhem Hoffmann, directeur de la Bibliothèque du Land de Wurtemberg, et le remeLettre datée du 03.03.1975 de Martin Heidegger à Wilhem Hoffmann, directeur de la Bibliothèque du Land de Wurtemberg, et le reme

Hölderlin und Frankreich: die Wahlverwandtschaften

Dass Hölderlin, durch die Vermittlung der Philosophen, einen wichtigen Platz im Geistesleben der französischen Intellektuellen eingenommen hat, ist insbesondere dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass seine französischen Übersetzer selber große Schriftsteller waren, so wie Pierre-Jean Jouve, Jean Tardieu, Gustave Roud, Philippe Jaccottet und Jean-Pierre Lefèbvre, und dass Hölderlin wiederum zahlreiche Dichter wie René Char, Louis Aragon, Michel Deguy und André du Bouchet inspiriert hat. In der Einführung zu einem deutsch-französischen Kolloquium in Saarbrücken im Jahr 1996 sagte Nicole Parfait: "Angesichts der Notwendigkeit einer Geschichte, dessen abwesendes Subjekt und betrachtet, drängt sich Hölderlins Denken auf (…). Hölderlin versteht es, das Wesen Griechenlands und der Moderne in nicht-dialektischer Weise zu begreifen und zu vereinen und eine nicht messianische Vorstellung der Geschichte zu entwickeln. Durch diesen Kraftakt ist er für uns spät geborene Kinder der Moderne, die wir von allen messianischen Versprechungen ernüchtert und oft überzeugt sind, am Ende der Geschichte angekommen zu sein, der Stern, dessen Licht uns vielleicht als einziges den Weg in eine unmögliche Zukunft weist". Dominique Janicaud meinte: "In Frankreich hat Hölderlin gemeinsam mit Rimbaud das fantastische Privileg, das dichterische Wesen in seiner vitalen Radikalität schlechthin zu symbolisieren." Anhand von Zeugnissen, Briefen und ikonografischen Dokumenten geht die Ausstellung der einzigartigen Stellung nach, die Hölderlin innerhalb der Literatur, Philosophie und Politik Frankreichs einnimmt.

Hölderlin, Poèmes, ouvrage illustré par Max ErnstHölderlin, Poèmes, ouvrage illustré par Max Ernst

Hölderlin und die Künste

     Die Musik

Wenn es eine Kunst gibt, in der Hölderlins Gedichte besonders wirksam gewesen sind, ist dies ohne Zweifel die Musik, insbesondere die Musik des 20. Jahrhunderts. Bei Johannes Brahms, Robert Schumann und Theodor Fröhlich beschränkte sich das Interesse noch auf einige wenige Beispiele. Hingegen haben sich die Komponisten der Avantgarde des 20. Jahrhunderts in der Welt und der Sprache des schwäbischen Dichters zu Hause gefühlt. Dazu zählen u.a. Theodor W. Adorno, Paul Hindemith, Luigi Nono, Heinz Holliger, Hans Werner Henze, Benjamin Britten, Bruno Maderna, Carl Orff und György Kurtag. Partituren und Hörbeispiele sind in der Ausstellung zu sehen und hören.


Johannes Brahms, Schicksalslied, Londres, 1892, édition trilingueJohannes Brahms, Schicksalslied, Londres, 1892, édition trilingue

     Das Theater

Der Einfluss Hölderlins auf das Theater beginnt erst wirklich im 20. Jahrhundert mit der Entdeckung seines Stückes Empedokles 1916 und einige Jahre später mit seinen beiden Übersetzungen von Sophokles, Antigone und Ödipus. Der fragmentarische Charakter des Empedokles, von dem es mehrere unterschiedliche Fassungen gibt, stellt immer noch eine Herausforderung an den Regisseur. In diesem Stück gibt es tatsächlich recht wenig Handlung, die Stärke des Stückes liegt vielmehr in der sprachlichen Ausdruckskraft. Ob in religiöser, mystischer oder avantgardistischer Interpretation, Empedokles beschäftigt die Regisseure, die es immer wieder neu gestalten, um so einen Effekt von Fremdheit und Distanz zu erzielen. Hölderlins Übersetzungen des Sophokles sind von großer Ausdruckskraft und stellen heute frühere Übersetzungen in den Schatten. Antigone ist das in Deutschland meistgespielte Stück von Hölderlin, einige seiner Inszenierungen sind in die zeitgenössische Theatergeschichte eingegangen.

Affiche du spectacle créé par le TNS en 1979 dans l’ancien arsenal de l’Esplanade. Mise en scène de Michel Deutsch et Philippe LAffiche du spectacle créé par le TNS en 1979 dans l’ancien arsenal de l’Esplanade. Mise en scène de Michel Deutsch et Philippe L

      Der Film

Von den zahlreichen Filmen, die sich des tragischen Lebens Hölderlins angenommen haben, werden zwei in der Ausstellung vorgestellt. Einer davon, Scardanelli (2000) von Harald Bergmann, ist Teil einer Trilogie, die von der Frankfurter Gesamtausgabe der Werke Hölderlins von E.D. Sattler inspiriert ist, und der im Jahr 2007 den Hölderlin-Preis der Stadt und Universtität Tübingen erhalten hat. Der Film Scardanelli wird in der Ausstellung in voller Länge gezeigt. Die französischen Untertitel dazu wurden für eine Ausstrahlung auf Arte realisiert, ebenso die Tonspur des Films. Ebenfalls gezeigt wird der preisgekrönte Film „Tod des Empedokles“ von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub.

     Die plastische Kunst

Seit den 1970er Jahren wurden zahlreiche Kunstwerke durch Texte Hölderlins beeinflusst, nicht zuletzt durch die Handschrift des Dichters, die dank Faksimile-Ausgabe der Frankfurter Ausgabe von E.D. Sattler bekannt geworden ist. Das Kunstwerk erschließt sich durch die zahllosen Varianten des Gedichts und durch die Streichungen, die in der Malerei als "Retuschen" bezeichnet werden. Dabei dringt man zum eigentlichen Zentrum des Schaffensprozesses vor, und gerade dieser Vorgang, dieses Hervorbrechen der Reflexion, hat die Künstler seit je her fasziniert. Viele der hier ausgestellten Werke bestehen tatsächlich aus einem Übereinanderlegen von Linien, wie Farbschichten, womit in einer widersprüchlichen Bewegung ein Werk als Palimpsest geschaffen wird. Die hier vertretenen Künstler Max Ernst, Josua Reichert, Max Kaminski, Robert Schwarz, Linda Schwarz und Ralf Ehmann geben jeder auf seine Weise eine Antwort auf eine zentrale Frage in Hölderlins Werk: der Unvollendetheit.

Robert Schwarz, lithographie inspirée du poème Diotima, n° 21/30, signée par l’artiste, Mayence, 1993. Texte tiré de l’édition cRobert Schwarz, lithographie inspirée du poème Diotima, n° 21/30, signée par l’artiste, Mayence, 1993. Texte tiré de l’édition c

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