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Februar 2011: "Gargantua" von Johann Fischart



Johann Baptist Friedrich Fischart (1546-1590) ist einer der ersten großen Schriftsteller in deutscher Sprache. Er hat etwa vierzig Bücher verfasst, darunter Übersetzungen, satirische Schriften, epische Gedichte, Abhandlungen, religiöse Pamphlete und Romane. 
Er ist vermutlich 1546 in Straßburg als Sohn von Hans Fischer, einem reichen Kaufmann aus Mainz, geboren. Seinem Vater wurde manchmal der Übernahme "Mentzer" gegeben, was Mainzer bedeutet. Er hat das Gymnasium in Straßburg besucht und darauf an der Lateinschule in Worms sowie an der Universität Tübingen studiert. Seit 1566 unternahm er Reisen nach Flandern, Paris, aber auch nach England und Italien. 1570 kehrte er nach Straßburg zurück und unternahm kurze Reisen nach Siena in der Toskana und nach Basel. Als Doktor der Rechte der Universität Basel war er als Anwalt am Reichskammergericht in Speyer tätig. 1583 wurde er in Forbach in Lothringen Amtmann resp. Landvogt. Fischart war erst Lutheraner, dann Calvinist und beklagt in seinen Schriften die Eitelkeit und den Zerfall moralischer Werte und polemisierte in protestantischer Tradition auch gegen die Jesuiten und den Papst.

Affenteurliche und ungeheurliche Geschichtschrift vom Leben, Rathen und Thaten der for Langen Weilen vollenwolbeschraiten HeldenAffenteurliche und ungeheurliche Geschichtschrift vom Leben, Rathen und Thaten der for Langen Weilen vollenwolbeschraiten Helden

1575 übersetzte Johann Fischart Les Horibles et espoventables faistz et prouesses du très renommé Pantagruel de Rabelais, die 1533 mit dem Titel Affenteurliche und ungeheurliche Geschichtschrift vom Leben, Rathen und Thaten der for Langen Weilen vollenwolbeschraiten Helden und Herrn Grandgusier, Gargantoa und Pantagruel Königen ihn Utopien und Ninenreich erschien. Fischart hat keine wortgetreue sondern eher einen auf Rabelais basierenden Roman geschaffen. Später überarbeitete er das erste Buch von Rabelais, und diese zweite Übersetzung des Gargantua, dreimal länger als das Original, erschien im Jahr 1582 unter dem Titel Geschichtsklitterung. Die feinsinnige Ironie, mit der Rabelais die Intoleranz anprangert, und die Parodie auf die höfischen Romane werden bei Fischart zu einer Moralsatire gegen bestimmte Laster: die Völlerei und Trunksucht, aber auch dumme und eitle Moden. Fischart verfolgte eine pädagogische Absicht, versuchte aber auch, seine Leser zu unterhalten.

Sein Hauptwerk ist die Geschichtsklitterung, das als Finnegans Wake des 16. Jahrhunderts bezeichnet wurde. Dieser Vergleich rührt vom fast experimentellen Stil Fischarts, der sich nicht vor Anhäufungen von Synonymen und Adjektiven, Vergleichen und Neologismen, Binnenreimen und Assonanzen scheut. Diese Kühnheiten machen aus der Geschichtsklitterung ein stilistisches Meisterwerk, das bereits am Ende des 16. Jahrhunderts die Barockliteratur ankündigte. Die zahlreichen Ausgaben zeugen von der Popularität des Buches. Fischart bezeichnete dieses Werk als "ein verwirretes vngestaltes Muster der heut verwirrten vngestalten Welt". Es gibt heute leider keine französische Übersetzung von Johann Fischart.

Die BNU besitzt ein umfangreiches Archiv von mehr als 100 Werken von Johann Fischart, und die Geschichtskliterung ist sowohl in der ersten Ausgabe von 1575 (R.105.508), der 2. Auflage von 1582 (R.101.639) und mit mindestens 5 anderen Auflagen bis 1631 vertreten.

Die Stadt Straßburg ehrt den berühmten Dichter und Übersetzer mit einer Straße, die seinen Namen trägt und wo sich heute das zweite Gebäude der National- und Universitätsbibliothek Straßburg befindet.

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