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Juni 2011: eine einzigartige Ausgabe der Englischen Briefe von Richardson

Unter den zahlreichen Schätzen der BNU befindet sich ein Unikat der Englischen Briefe von Richardson mit einem Vorwort von Diderot.Portrait frontispice de RichardsonPortrait frontispice de Richardson1751 erschien die erste französische Übersetzung von Richardsons bedeutendem Roman Lettres angloises ou Miss Clarisse Harlove. Der Erfolg war überwältigend, und es dauerte rund zehn Jahre, bis einem anderen Briefroman, Die neue Heloise, ein ähnlicher Erfolg beschieden war. Abbé Prévosts Übersetzung trug zum Erfolg nicht unwesentlich bei. Die elegante Prosa entspricht dem französischen Geschmack, folgt aber gleichzeitig eng dem Rhythmus der englischen Sprache. Die Übersetzung wurde fast genauso bewundert wie Richardsons Erfindungskraft. Sie erschien 1766 in einer Neuausgabe, die neue übersetzte Briefe enthielt, ferner weitere Begleittexte, darunter vor allem Diderots berühmte Éloge auf Richardson.

Die folgende Ausgabe dieser Übersetzung von 1770, die nur wenig bekannt ist, ja oft in Bibliografien fehlt, enthält dieselben Texte. Die BNU besitzt davon ein außergewöhnliches Exemplar, ein Unikat, das für die Spezialisten des Romans des 18. Jahrhunderts von großem Interesse ist. Tatsächlich konnte bis heute kein zweites Exemplar dieser Ausgabe ausfindig gemacht werden.
Der Leser muss sich auf etwas gefasst machen, will er dieser etwas ungewöhnlichen Handlung folgen, und das war schon 1747 nicht anders, als die Veröffentlichung dieses umfangreichen Briefromans in London begann. Es geht darin um ein tugendhaftes Mädchen, das durch den Zynismus der eigenen Familie und die Ränke eines Wüstlings mit dem bezeichnenden Namen Lovelace zu Fall gebracht wird. Die außergewöhnliche Länge (13 Teile, 6 Bücher), die das Werk zu einem der umfangreichsten Romane der englischen Literatur macht, verlangt einen langen Atem. Die glühenden Bewunderer des Werkes (darunter Balzac) haben immer wieder darauf hingewiesen und sahen gerade darin den Beweis für dessen literarische Qualität: Die Fülle an Einzelheiten in der Darstellung von Ereignissen und Verhaltensweisen, die Erklärungen und Standpunkte zu ein und demselben Ereignis, die sich durch die unterschiedliche Sichtweise der Korrespondenten ergeben, all dies ergab einen virtuosen Schreibstil, der für das 18. Jahrhundert vorbildlich war.
In dieser Ausgabe kann zudem die wahrhaft schöpferische Arbeit von Prévost gewürdigt werden. Dieser begnügt sich nicht mit bloßem Übersetzen: Er streicht, korrigiert, fasst zusammen. Es lässt sich durchaus behaupten, wie dies auch manche Kritiken festgestellt haben, dass Prévost in der Übersetzungsarbeit seine eigene Romanwelt fortschreibt. So ist seine Auswahl der Briefe durchaus charakteristisch. Gerade in den zweiten Teil, der von der Vergebung der Clarisse nach ihrer Vergewaltigung durch Lovelace handelt, hat er durch Streichungen am stärksten eingegriffen. Die religiösen Anspielungen werden ebenfalls ausgeblendet. Der erbauliche Aspekt von Richardsons Text wird verzerrt, womit die menschlichen Züge der Personen stärker hervortreten, im besonderen von Lovelace. Diderot empfindet übrigens am Schluss seiner Éloge beinahe Sympathie für den widerwärtigen Wüstling, im Gegensatz zur eindeutig moralischen Wirkung, die der englische Schriftsteller bei seinen Leser erzielen wollte.


Tome 1Tome 1


Diderots Éloge auf Richardson ist eine Besonderheit der vorliegenden Ausgabe. Der Text wurde 1761 im Journal Étranger anlässlich des Todes des Schriftstellers veröffentlicht und später in den Roman Clarisse Harlove aufgenommen. Wie nicht anders zu erwarten, entspricht er den Gepflogenheiten der Gattung, d. h. er benutzt eine überschwängliche Rhetorik der Bewunderung. Der kurze, frei gestaltete Text preist in manchmal provokativem Gedankengang die hohe Aufrichtigkeit von Richardsons Stil und das Talent, mit dem er die verschiedenen Stimmen der Briefe charakterisiert und zum Leben erweckt. Seine Romanfiguren, so Diderot, seien mehr wahrhaftig als natürlich und vermischten sich durch ihre Menschlichkeit mit unserem ureigensten Inneren. solches Lob ist nicht bloße Konvention. Indem Diderot sich zum begeisterten Leser stilisiert, verhält er sich nicht viel anders als Prévost, der sich den Text von Richardson ebenfalls mit dem Ziel aneignet, seine eigene Sichtweise als Romancier einzubringen. In La Religieuse und später in Jacques le fataliste und in den Märchen wird die Mystifizierung der Romanhandlung ständig in Szene gesetzt und reflektiert. Die Éloge deckt den Vorgang dieser Illusion auf: Diderot erscheint hier persönlich als der Modellleser. Der Roman von Richardson wird so zum Experimentierfeld.


Tome 2Tome 2

Diese Ausgabe der Clarisse Harlove, in der wir die Stimmen von Richardson, Prévost und Diderot vernehmen, gibt uns vertieft Einblicke in die Welt des Romans des 18. Jahrhunderts. Selbst Rousseau kommt indirekt vor: Wenn auch Diderot den Verfasser der Nouvelle Héloïse, welche die Zeitgenossen oft mit der Clarissa von Richardson verglichen oder ihr gegenübergestellt haben, nicht ausdrücklich nennt, so ist dieser doch indirekt gemeint, wenn Diderot mit Nachdruck auf die meisterhaft beherrschte Führung einer Vielzahl von Personen und auf die Fülle an realistischen Details verweist und damit jene Punkte lobend hervorhebt, die man zur damaligen Zeit in den Romanen Rousseaus vermisst hatte. Im 11. Buch seiner Confessions kommt Rousseau auf dieses Angriffe Diderots zu sprechen, indem er sein Konzept des Romans verteidigt, in dessen Zentrum die inneren Abenteuer einiger Personen „ohne irgendwelche Bosheit“ stehen und den weder „die Buntheit der Bilder“ noch „die Fülle der Personen“ von seiner moralischen Zeichnung abbringen können.

Jean-Louis ELLOY

Tome XIIITome XIII

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