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Mai 2011: Das Alphabet de Théophile Schuler

Théophile Schuler ist vor allem als Illustrator verschiedener Werke von Jules Verne, Victor Hugo und Erckmann-Chatrian bekannt. Er hat allerdings auch ein bemerkenswertes und höchst eigenwilliges illustriertes Alphabet geschaffen, das 1868 beim Verlag J. Hetzel in Le premier livre des petits enfants (Das erste Buch für kleine Kinder) herausgekommen ist. Die BNU besitzt unter der Signatur B.12.290 ein Exemplar der zweiten Ausgabe (1878). Die verlegerische Entstehungsgeschichte wird wie folgt geschildert.

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Das Alphabet

In der Einleitung wird die besondere Idee des Illustrators vorgestellt: „Unsere jungen Leser werden bald bemerken, dass es Herrn Théophile Schuler dank seines Geschicks und seiner Erfindungsgabe gelungen ist, in jeder seiner originellen Schöpfungen einen Buchstaben des Alphabets hineinzuzeichnen. Herr Schuler ist nämlich überzeugt, dass alle Buchstaben in der Natur vorkommen und dass man, ohne den Dingen oder Geschöpfen Gewalt anzutun oder sie zu verformen, die einen oder anderen so darstellen kann, dass sie die Formen der Buchstaben bilden, aus denen unser Alphabet zusammengesetzt ist. Diese Meisterleistung eines bedeutenden Künstlers ist nicht nur lieblich anzusehen, sondern fördert auch ihren Scharfsinn, indem nämlich jedes Bild zu einer Art Rätsel wird, bei dem die Form des Buchstabens in der Anordnung der Dinge oder den Bewegungen der Figuren erkannt werden muss.“ Es folgen 25 ganzseitige Illustrationen mit je einem Vierzeiler. Angesichts des Resultats meint ein Kommentator (1): „In Schulers Alphabet ist der Buchstabe da, ohne wirklich da zu sein, in der perfekten Unbestimmtheit des einzuübenden Lesevorgangs, Schrift und Bild gehen ineinander über.“

Schulers Alphabet lädt dazu ein, die Buchstaben durch die Bilder des ländlichen Alltagslebens zu sehen: die Weinpresse, der Feldhüter, der Schlitten, der Waschtag, die Gänsehüter, der Hufschmied, die Scherenschleifer..., : alles Szenen, welche die Verwurzelung des Zeichners in seiner Heimat und sein starkes Interesse für die einfachen Menschen auf dem Land zeigen.

Das Alphabet von Théophile Schuler war sehr erfolgreich, und bereits 1871 erschien es in den Vereinigten Staaten unter dem Titel: Letters Everywhere: Stories And Rhymes For Children. Für diese Ausgabe illustrierte Théophile Schuler zusätzlich den Buchstaben W, der in der französischen Ausgabe nicht vorkommt (2). Das erste Buch für kleine Kinder wurde 1878 noch einmal in französischer Sprache herausgegeben, wiederum ohne die Illustration mit dem Buchstaben W. Das Interesse für das Buch ließ nicht nach, so dass 1978 bei Gallimard in der Reihe Enfantimages eine kolorisierte Neuausgabe unter dem Titel Devinez l’alphabet (Ratet das Alphabet) herauskam, dieses Mal mit vollständigem französischen Alphabet.

Die Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe, die Théophile Schuler für sein Alphabet angefertigt hat, werden von der Société des Amis des Arts et des Musées de Strasbourg aufbewahrt.
Sie werden im kommenden Herbst im Museum Tomi Ungerer zu sehen sein. Eine Ausstellung, die Sie auf keinen Fall verpassen sollten!


Weblinks:
Ein Artikel über die Alphabete des Verlegers J. Hetzel in der Revue de la BnF von 2008: Hetzel, album et abécédaire von Marie-Pierre Litaudon: Hier klicken.

Die digitalisierte amerikanische Übersetzung: hier klicken.

(1) Litaudon Marie-Pierre, siehe den Artikel in der Revue de la BnF.
(2)Das W galt lange Zeit als ein Buchstabe, der im Französischen nur für einige aus den nordischen Sprachen entlehnte Wörter verwendet wird (Grevisse).

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