BNU

Drucken

Geschichte der BNU

Die Gründung

 Bereits vor 1870 war Straßburg die zweitwichtigste Bücherstadt Frankreichs, was die Zahl der dort aufbewahrten Bücher anging. Sie beherbergte vor allem die Bibliotheken des Protestantischen Seminars und der Stadt Straßburg, die beide im Temple-Neuf aufbewahrt wurden.

Während des deutschen-französisch Kriegs wird Straßburg belagert und bombardiert In der Nacht vom 24. auf 25. August 1870 wird der Temple-Neuf getroffen und brennt nieder, mit ihm verbrennen sämtliche dort aufbewahrten Sammlungen.
Die Verluste sind unersetzlich, da sich zahlreiche Unikate darunter befunden haben: 3 446 Manuskripte, darunter eine Zusammenfassung des mittelalterlichen Wissens aus dem 12. Jahrhundert, der Hortus Deliciarum, der unter Aufsicht der Äbtissin Herrade von Landsberg abgefasst wurde, ferner zahlreiche Werke von Meister Eckart, Johannes Tauler und Konrad von Würzburg.
 

Vue en coupe du bâtiment réalisée par les architectes August Hartel et Skjold Neckelmann.: Etude préparatoire. Impression par Dorn, Sinsel et Cie de Leipzig. © BNUVue en coupe du bâtiment réalisée par les architectes August Hartel et Skjold Neckelmann.: Etude préparatoire. Impression par Dorn, Sinsel et Cie de Leipzig. © BNU

Das Entsetzen, das diese Zerstörung bei Gelehrten und Professoren auslöste, führte zu einem Spendenaufruf, zu dem Karl August Barack, damals Bibliothekar der Prinzen von Fürstenberg in Donaueschingen und später der erste Direktor der neuen Straßburger Bibliothek, am 30. Oktober 1870 aufrief. Das Echo war enorm. Bis zur Einweihung am 9. August 1871 kamen 200 000 Bände zusammen, die im Palais Rohan untergebracht wurden. Die Bibliothek erhielt durch öffentliche Erklärung vom 19. Juni 1872 den Namen Kaiserliche Universitäts- und Landesbibliothek zu Strassburg (KULBS); ein kaiserlicher Erlass vom 29. Juli 1891 bestätigte dies. Der Palais erwies sich jedoch rasch als zu klein und zu wenig sicher, um alle Bestände aufzunehmen. Am 29. November 1895 konnte das im Stil der italienischen Neo-Renaissance erbaute Gebäude an der Place de la République (dem damaligen Kaiserplatz) mit mehr als 600'000 Bände offiziell eingeweiht werden.

La construction de la bibliothèque. Vers 1885-88.: © BNU – JPR 2009La construction de la bibliothèque. Vers 1885-88.: © BNU – JPR 2009


Die Zeit des Kaiserreichs 1871-1918

Während der Zeit des deutschen Kaiserreichs profitierte die Bibliothek von der Unterstützung, die der Straßburger Universität zuteil wurde. Es standen ausreichend Mittel zur Verfügung, die Bibliothek konnte sogar einen Teil der Kriegsentschädigungen der Fondation Saint-Thomas (die 1873 zum Nachfolger des Protestantischen Seminars erklärt wurde) beanspruchen. Die ehemalige Verwalterin der BNU Lily Greiner erinnert sich, "dass die Zinsen des Kapitals, das die Fondation zugesprochen erhielt, für den Erwerb von Manuskripten, seltenen Werken und Spezialsammlungen verwendet wurden, deren Anschaffungspreis aus dem ordentlichen Budget nicht bestritten werden konnte und die thematisch mit den ehemaligen Beständen des Protestantischen Seminars in Zusammenhang standen." Tatsächlich wurden während der deutschen Zeit fortlaufend bedeutende Anschaffungen getätigt:
- Kauf der Bibliothek des Druckers und Buchhändlers Frédéric-Charles Heitz, 1871,
- Schenkung der Bibliothek des russischen Generalkonsuls in Lübeck, Karl von Schlösser, 1871,
- Kauf der Bibliothek des Rechtsprofessors Eduard Böcking, 1872,
- Schenkung der Bibliothek des Prinzen von Bentheim, 1874,
- Kauf der Bibliotheken von Friedrich-August Menke und von Wolfgang Menzel, 1874,
- Schenkung der Bibliothek des österreichischen Reichsfreiherren J. Ph. von Wessemberg-Amspringen, 1876,
- Kauf der Bibliothek von Professor Wilhelm Baum, 1878,
- Kauf der Sammlung von Baron Pierre-Rielle de Schauenburg, 1880-1881,
- Kauf von Dokumenten aus der Sammlung Hamilton, 1890,
- Kauf der Bibliothek von Edouard Reuss, 1891,
- Kauf der Bibliothek von Charles Schmidt, 1895,
- Kauf der Bibliothek des Grafen de Gobineau, 1903.
Diese auf den Erwerb prestigeträchtiger Stücke ausgerichtete Anschaffungspolitik wurde ergänzt durch den Kauf nicht weniger seltener Objekte aus dem Nahen und Mittleren Osten, die im Rahmen des zahlreiche Wissenschafts- und Bibliothekseinrichtungen des Kaiserreichs umfassenden Papyrus-Kartells erworben wurden.

Vue du hall d'entrée de la bibliothèque entre 1895 et 1918 avec la statue de l'Empereur Guillaume Ier: © BNUVue du hall d'entrée de la bibliothèque entre 1895 et 1918 avec la statue de l'Empereur Guillaume Ier: © BNU
Die Zwischenkriegszeit 1918-1940

 Im Jahr 1918, zum Zeitpunkt, als die besetzten Gebiete wieder zu Frankreich gelangten, zählte die BNU 1 100 000 Bände und wurde damit zur zweitgrößten Bibliothek Frankreichs. Der Erlass vom 29. Juli 1926 verlieh der Bibliothek ihren Namen und ihren Status: Als öffentliche nationale Einrichtung der Verwaltung sollte sie zugleich nationale, universitäre und regionale Aufgaben erfüllen.
Da in ihr das gesetzlich vorgeschriebene Pflichtexemplar jeder Veröffentlichung im Elsass und im Territoire-de-Belfort hinterlegen werden musste (bis 1993), wurde sie rasch zu einer Einrichtung mit regionaler Identität.
Das Gebäude an der Place de la République wurde kaum verändert, abgesehen von beispielsweise der Einrichtung eines Ausstellungsraums in der ersten Etage, wo vor allem eine Ausstellung anlässlich des fünfzigsten Todestages von Gobineau stattfand.

Vue de la salle de lecture sous la coupole entre 1900 et 1925.: © BNUVue de la salle de lecture sous la coupole entre 1900 et 1925.: © BNU

1940-1945

Angesichts des drohenden Weltkrieges machte sich die BNU daran, ihre Bestände in Sicherheit zu bringen bzw. die wertvollsten Dokumente, die nicht transportierbar waren (wie beispielsweise Papyri und Ostraka), zu schützen. Von 1933 an wurde ein Umzugsplan, der die Bedürfnisse an Material und Fahrzeugen umfasste, ausgearbeitet.
Der Umzug der Dokumente erfolgte noch vor der Kriegserklärung (September 1939). Am 2. September wurde die Stadt Straßburg evakuiert. Nach der Evakuierung der Bevölkerung wurden 1.5 Millionen Bände der BNU, zusammen mit den Bibliotheksbeständen der Universitätsinstitute, nach Süden transportiert. Man entschied sich für verschiedene Aufbewahrungsorte im Puy-de-Dôme, um die wertvollsten Bestände unterzubringen, unter anderem in drei Schlössern in der Umgebung von Clermont-Ferrand: das Château des Quayres, das Château de Cordès und das Château de Theix. Andere Sammlungen wurden an verschiedenen anderen Standorten in "Sicherheit" gebracht, beispielsweise im Elsass (in der Gemeinde Barr).

Le déménagement des collections en 1939: © BNU

Das Gebäude an der Place de la République wurde während eines Bombardements im September 1944 am Nordflügel leicht getroffen, was nur geringe Schäden verursacht hat und ohne dass die Fassade beschädigt wurde. Hingegen wurde die Stadt Barr von einem heftigen Luftangriff betroffen, die dort eingelagerten Bestände der BNU – vor allem die reichhaltigen Medizinsammlungen, die damals als einzige die Katastrophe von 1870 überlebt hatten – wurden zerstört. Bevor sich die deutschen Besatzungstruppen aus Straßburg zurückzogen, wurden bedeutende Bestände ins Reich gebracht. Bei der Befreiung fanden sich nicht weniger als 44 Kisten im Schloss Zwingenberg, 33'000 Bände in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, in Hohenheim... Die Suche wurde auf zahlreiche weitere Gegenden ausgedehnt: Hessen, Bodensee, Schwarzwald... Insgesamt werden die Verluste der BNU auf mehrere tausend Werke geschätzt (durch Zerstörung, Raub, Zensur). Die reiche Innenausgestaltung im wilhelminischen Stil wird nach dem Krieg, im Zug eines umfassenden Restrukturierungsprogramms (von 1951 bis 1956), abmontiert, um schließlich ganz zu verschwinden (kürzlich erfolgte Nachforschungen haben ergeben, dass heute keine Spur mehr davon übriggeblieben ist).

Château de Cordès près Orcival: © BNUChâteau de Cordès près Orcival: © BNU
Von 1945 bis heute

Nach der Restrukturierung der 1950er Jahren wurden die Innenräume der Bibliothek kaum mehr verändert. Es gab lediglich einige kleiner Umbauten. Der bedeutendste Eingriff fand 1992 statt und betraf die Lesesäle im ersten Stockwerk.
In den 1960er Jahren wurden zwei Abteilungen aus dem Hauptgebäude ausgegliedert (Medizin und Technikwissenschaften) und in den Universitätscampus überführt. 1976 zogen die Verwaltung sowie die Abteilungen Alsatica und Recht an die Rue Joffre ein, wo die Bibliothek zwei Gebäude erwerben konnte. Zwischen dem Hauptgebäude und der Rue Joffre wurde ein Verbindungstunnel erstellt.
1992 wurden die drei Zentralen Dokumentationsdienste (Services communs de la documentation, SCD) der Straßburger Universitäten geschaffen. Die Abteilungen Naturwissenschaft, Medizin und Pharmazeutik wurden dem SCD der Universität Louis Pasteur angegliedert.

Vue du hall d'entrée de la bibliothèque et de la salle de lecture centrale sous la coupole à la fin des années 1950: après le réaménagement mené par François Herrenschmidt. © BNUVue du hall d'entrée de la bibliothèque et de la salle de lecture centrale sous la coupole à la fin des années 1950: après le réaménagement mené par François Herrenschmidt. © BNU

Die BNU ist heute die zweitwichtigste Bibliothek Frankreichs, was die digitale Erschließung angeht, sie beherbergte eine der bedeutendsten ägyptologischen Sammlungen Europas, sie ist die wichtigste Hochschulbibliothek und sie leiht im Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften die meisten Dokumente an andere französische Bibliotheken. Sie wird ihre folgenden Schwerpunkte auch weiterhin entwickeln:
-der deutschsprachige Kulturraum: In diesem Bereich ist sie ein Zentrum für die Erwerbung von wissenschaftlicher und technischer Dokumentation und Information (Centre d'acquisition de la documentation et de l'information scientifique et technique, CADIST) sowie ein Partner der Bibliothèque nationale de France.
-die Religionswissenschaften: Hier ist sie ebenfalls ein Zentrum für die Erwerbung von wissenschaftlicher und technischer Dokumentation und Information (Centre d'acquisition de la documentation et de l'information scientifique et technique, CADIST) sowie ein Partner der Bibliothèque nationale de France.
-das Elsass,
-die Antike
-Spezialgebiet Europa.


Vue de la salle de lecture 4 en 2010 avant les travaux du chantier BNU Nouvelle: © BNU – JPR 2010Vue de la salle de lecture 4 en 2010 avant les travaux du chantier BNU Nouvelle: © BNU – JPR 2010


Mehr dazu

Barack, Karl August. Die Neugründung der Strassburger Bibliothek und die Goethe-Feier am 9 August. Straßburg, 1871.
Borchardt, Peter
. Die deutsche Bibliothekspolitik im Elsass. Zur Geschichte der Universitäts- und Landesbibliothek Strassburg 1871-1944. Köln, 1981.

Didier, Christophe
. Portrait d'un fondateur : Julius Euting. In: La Revue de la BNU, 2010, n°2, S. 105-115.
Dubled, Henri. Histoire de la bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg.
Straßburg , 1960. 2. Auflage 1973.
Gass, Joseph. Strassburgs Bibliotheken. Ein Rück- und überblick auf Entwicklung und Bestand.
Straßburg, 1902.
Greiner, Lily. Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg. In: Francis Gueth (Hrsg.). Douze siècles d'histoire du livre à travers les collections des bibliothèques d'Alsace.
Straßburg: Dernières Nouvelles d'Alsace, 1973.
Klein, Charles. La Bibliothèque universitaire et régionale de Strasbourg d'avant guerre et la recherche scientifique.
Straßburg, 1924.
Lebeau, Christine. La Bibliothèque Nationale et Universitaire de Strasbourg de la fondation aux Mélanges Charles Andler : de l'instrument et de son usage (1870-1924). In: Histoire des études germaniques en France (1900-1970), M. Espagne und M. Werner (Hrsg.), S. 109-132.
Mehl, Charles. Les bibliothèques publiques de Strasbourg.
Straßburg, 1867. 
Poirot, Albert. Le rayonnement de la BNU dans l'aire culturelle germanique. In: Henri de Grossouvre und Eric Maulin (Hrsg.). Eurodistrict Strasbourg-Ortenau. La construction de l'Europe réelle.
Poulain, Martine. Livres pillés, lecture surveillée. Paris: Gallimard, 2008.
Reuss, Rodolphe. Les bibliothèques publiques de Strasbourg, incendiées dans la nuit du 24 août 1870. Paris, 1871.
Thiaucourt, C. Les bibliothèques universitaires et municipales de Strasbourg et de Nancy. I, la Bibliothèque de l'Université et du pays de Strasbourg, Annales de l'Est, 5 (1891), S. 36-61.
Sansen, Jean. Les transformations de la Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg. Separata-Druck. In: Bulletin des Bibliothèques de France, 1977, vol. 22, n°1.
Vogler, Bernard. Les très riches heures de la B.N.U.S. In: Saisons d'Alsace, 107.
Straßburg, 1990, S. 27-35.
Littler, Gérard. La Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg. Constitution de collections dans la période allemande (1871-1918). In: Bulletin des Bibliothèques de France, 2002, n°4, S. 36-46.  

Share this